Wie war das früher mit den Lichtstuben?
Von Martini bis Lichtmess, dann nämlich, wenn die Landwirtschaft ruhte,
war einst die Zeit der Lichtstuben. In manchen Gegenden begann man
mit den Lichtstuben bereits an Allerheiligen oder Kirchweih und endete
an Ostern. Bis ins 15. Jahrhundert lässt sich diese Tradition
zurückverfolgen. Die Lichtstuben waren ein Ort, an dem die langen
Winterabende gemeinsam, vor allem mit Handarbeiten geselligen
Spielen und Ratschen verbracht wurden.
Für die Lichtstube gab es je nach Region unterschiedliche Namen. Unter
anderem wurden sie auch Spinnstuben genannt.
Spinnstuben waren auch Treffpunkte für unverheiratete Frauen. Man traf
sich, um für die Aussteuer zu spinnen oder andere Handarbeiten zu
verrichten. Zusammen arbeitete es sich schneller und war geselliger.
Aber es diente nicht nur der Geselligkeit, sondern hatte auch
ökonomische Gründe. Vor der Einführung einer elektrischen Beleuchtung
konnte man somit Kerzen, Öllampen und Heizmaterial effizienter nutzen
und einsparen. Licht und Wärme waren ein rares Gut.
Zur Lichtstube traf man sich abwechselnd in den einen oder anderen
Häusern oder Höfen. Es gab reine Frauen- oder Männerlichtstuben, aber
auch gemischte. Während die Frauen Handarbeiten verrichteten, kamen
oft Burschen dazu und machten Musik. Dabei wurde viel gesungen und
wurden viele Geschichten erzählt. Der Pflege und Übermittlung des
Liedgutes kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Das Schwinden des
Liedgutschatzes wird darum vielfach auf den Verfall der Spinnstuben
zurückgeführt. Junge Männer besuchten die Spinnstuben aber nicht
immer.
Allerdings war es mancherorts üblich, dass die Burschen die
Mädchen am Ende des Abends abholten und nach Hause begleiteten.
Das war eine der wenigen Gelegenheiten, wo es möglich war, halbwegs
unbeobachtet eine Beziehung anzubahnen.
Das muntere Beisammensein in diesen privaten Stuben gefiel aber nicht
jedem.
Da es dabei auch zu Ausschreitungen in sittlicher Hinsicht kam, wurden
in manchen Ortschaften sogar „Spinnstubenordnungen“ erlassen und es
entwickelte sich sogar eine regelrechte Sittenpolizei.
Die sogenannten „Lasterhöhlen“ sollten unbedingt kontrolliert werden. Das ganze
Lichtstubenwesen war auch der geistlichen Obrigkeit ein Dorn im Auge.
Es wurde nicht gerne gesehen, weil da viele Ehen angebahnt worden
sind. Es gab im 16. Jahrhundert z.B. immer wieder Bestrebungen,
sowohl von der katholischen auch von der evangelischen Seite her, die
Lichtstuben zu verbieten, aber es ist ihnen nie gelungen.
In der Spinnstubenzeit fielen allerlei kleine Feste an, die in der stillen
Winterzeit Akzente gaben. Nikolausfeier, Silvesterabend und vor allem
die Fastnacht sind zu nennen, die vielfach von der Spinnstube her
gestaltet wurden, oft verbunden mit Schmaus und Trank und manchem
Gabenwesen. An Ostern gingen die Burschen Ostereier sammeln, die
ebenfalls in der Spinnstube gemeinsam verzehrt wurden. Festlich wurde
auch der Abschluss der Spinnstube im Frühjahr begangen.
Lichtauslöschen, Lichtbegraben, Spinnstubenräuchern hießen unter
anderem einige Bezeichnungen dieser so genannten Abschlussfeste.
Die Spinnstubengemeinschaft zerfiel aber nicht mit dem Abschluss
dieser winterlichen Zusammenkünfte, sie blieb den Sommer über
wirksam, bei Tanz und anderen öffentlichen Zusammenkünften, sie
wurde zur Lebensgemeinschaft, nahm Anteil an allen Ereignissen der
Angehörigen, bei Hochzeit und Tod. Die Spinnstuben wurden
bedeutungslos, als der Flachsanbau verschwand; sie blieben jedoch in
geselliger Hinsicht dann als Strickstuben bestehen. Bis zum Beginn des
20. Jahrhunderts waren sie ein Mittelpunkt der dörflichen Geselligkeit.
Ein Gedicht zu den Spinnstuben (Verfasser unbekannt)
Auf dem Dorf in den Spinnstuben
Auf dem Dorf in den Spinnstuben sind lustig die Mädchen.
Hat jedes seinen Herzbuben, wie flink geht das Rädchen!
Spinnt jedes am Brautschatz, dass der Liebste sich freut.
Nicht lange, so gibt es „Ein Hochzeitsgeläut“!
Keine Seele, die mir gut ist, kommt mit mir zu plaudern;
gar schwül mir zu Mut ist, und die Hände zaudern.
Und die Tränen mir rinnen leis` übers Gesicht.
Wofür soll ich spinnen, ich weiß es ja nicht!
Heute gibt es keine solchen Spinnstuben mehr. Viele Spinnräder sind
selber eingesponnen von Staub und Spinnweben auf den Dachböden
mancher Häuser. Einen Webstuhl findet man im ganzen Dorf nicht mehr.
Dafür hat man jetzt in jedem Haus Radio und Fernseher. Es ist sehr
schade, dass diese schöne Tradition der Spinnstuben heute nicht mehr
besteht, sie waren Garant für Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn in
den Dorfgemeinschaften.
Diese schöne Tradition wollen wir nun in Beuren wiederaufleben lassen.
Natürlich in einer etwas anderen neuzeitlichen Form.